Zum Hauptinhalt springen

kongresse-fachveranstaltungen

Nachhaltige Kongresse: Green Events in Deutschland

JJana Wortmann 5 min Lesezeit

Nachhaltige Kongresse: Green Events in Deutschland

Nachhaltige Kongresse und Green Events sind in Deutschland längst mehr als ein Trend – sie werden zum Qualitätsmerkmal für professionelle Veranstaltungsorganisation. Dieser Artikel zeigt, was CO2-neutrales Tagen wirklich bedeutet, welche Stellschrauben den größten Unterschied machen und wie Veranstalter konkret loslegen können.

Wer in den letzten Jahren eine Fachveranstaltung besucht hat, dem ist wahrscheinlich aufgefallen: Irgendetwas hat sich verändert. Weniger Plastikflaschen auf den Tischen, Lunchpakete in kompostierbaren Verpackungen, und das Programmheft kommt als QR-Code aufs Smartphone statt als 40-seitiger Hochglanzprospekt. Nachhaltige Kongresse sind längst kein Nischenthema mehr – sie sind für viele Veranstalter schlicht Standard geworden. Oder sollten es sein.

Aber was steckt eigentlich dahinter? Was macht ein Green Event wirklich aus, und wo hört gut gemeintes Greenwashing auf? Ich bin der Sache mal auf den Grund gegangen.

Was nachhaltige Kongresse wirklich bedeuten

Der Begriff "Green Event" klingt erstmal nach Blumentöpfen und Jutebeuteln. Tatsächlich ist das Konzept deutlich komplexer. Ein wirklich nachhaltiger Kongress betrachtet den gesamten Lebenszyklus einer Veranstaltung – von der Planung über die Durchführung bis zur Nachbereitung. Das schließt Mobilität, Energie, Catering, Material und sogar die Kommunikation ein.

Die Deutsche Umwelthilfe und verschiedene Branchenverbände haben in den letzten Jahren Leitfäden entwickelt, die Veranstaltern helfen sollen, strukturiert vorzugehen. Entscheidend ist dabei: Nachhaltigkeit muss von Anfang an mitgedacht werden, nicht erst wenn der Druck des Programms von allen Seiten drückt. Wer Klimaschutz als Add-on betrachtet, scheitert meistens an den eigenen Ansprüchen.

Konkret geht es bei nachhaltigen Kongressen um folgende Kernbereiche: Anreise und Mobilität der Teilnehmenden, Energieverbrauch der Veranstaltungsstätte, Verpflegung mit regionalem und saisonalem Fokus, Materialreduzierung sowie soziale Aspekte wie Barrierefreiheit und Inklusion. Ja, auch Letzteres gehört zum Nachhaltigkeitsverständnis – Sustainability ist mehr als CO2.

CO2-neutrales Tagen: Anspruch und Wirklichkeit

Das Schlagwort CO2-neutrales Tagen ist inzwischen überall. Doch was bedeutet es konkret? Streng genommen ist eine große Präsenzveranstaltung mit Hunderten angereisten Teilnehmenden niemals wirklich CO2-neutral. Der Flugverkehr allein macht oft den Großteil der Emissionen aus – und den kann man nicht einfach wegrechnen.

Was Veranstalter stattdessen tun können: Emissionen messen, reduzieren und den unvermeidbaren Rest kompensieren. Viele setzen dabei auf zertifizierte Klimaschutzprojekte, etwa Aufforstungsmaßnahmen oder den Ausbau erneuerbarer Energien in Entwicklungsländern. Solche Kompensationen sind umstritten, werden aber von Experten als Übergangslösung akzeptiert – solange sie nicht als Freifahrtschein für unkritisches Weiter-so missverstanden werden.

Ein wichtiger Hebel ist die Wahl der Veranstaltungsstätte. Kongresszentren, die mit Ökostrom betrieben werden, über gute ÖPNV-Anbindung verfügen und nachhaltige Cateringkonzepte anbieten, machen einen erheblichen Unterschied. In Deutschland gibt es inzwischen eine Reihe zertifizierter Locations – darunter das Congress Center Hamburg oder das ICC Berlin, das aktuell umfassend modernisiert wird.

Interessant in diesem Zusammenhang: Auch die Frage des Veranstaltungsformats selbst spielt eine große Rolle. Hybride Modelle, bei denen Teile der Teilnehmenden remote zugeschaltet werden, können die Reisetätigkeit signifikant senken. Mehr zu diesem Ansatz findest du in unserem Beitrag Hybride Veranstaltungsformate: Kongresse neu denken.

Catering, Materialien und der ganze Rest

Essen und Trinken – das klingt banal, ist aber einer der größten Hebel bei Green Events. Fleischlastige Buffets sind echte Klimakiller. Wer auf pflanzenbasierte Menüs setzt, regionale Lieferanten einbindet und Lebensmittelverschwendung konsequent minimiert, kann die Emissionen des Caterингbereichs deutlich senken. Einige Kongresse arbeiten inzwischen mit Foodsharing-Initiativen zusammen, die übrig gebliebene Speisen weitervermitteln. Das funktioniert gut und kommt bei den Teilnehmenden meist sehr positiv an.

Beim Thema Materialien scheiden sich dagegen manchmal die Geister. Niemand will auf seinen Goodie-Bag verzichten – aber muss der wirklich Kugelschreiber aus Plastik und Notizblöcke enthalten, die danach ungenutzt im Büroschrank verstauben? Viele Veranstalter stellen heute auf digitale Alternativen um: Apps statt Programmhefte, QR-Codes statt Namensschilder aus beschichtetem Kunststoff, wiederverwendbare Becher statt Einweg. Kleine Maßnahmen, die in der Summe aber tatsächlich etwas bewegen.

Für den Messebau und die Ausstellungsflächen gilt Ähnliches – hier ist der Wandel besonders spürbar. Modulare Standsysteme aus recycelten Materialien, Mietlösungen statt Einwegkonstruktionen und der Verzicht auf PVC-Banner verändern das Bild vieler Veranstaltungen. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte, dem empfehle ich unseren Artikel Nachhaltigkeit im Messebau: Trends und Materialien – dort werden die wichtigsten Entwicklungen und Werkstoffe ausführlich beleuchtet.

Zertifizierungen und Standards: Orientierung im Dschungel

Woran erkennt man eigentlich, ob eine Veranstaltung wirklich nachhaltig ist – oder ob da nur schön geredet wird? Das ist leider nicht immer einfach zu beurteilen. Es gibt jedoch einige Zertifizierungen und Standards, die Orientierung bieten.

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex kann als Rahmenwerk dienen. Speziell für Veranstaltungen relevant ist der Standard ISO 20121, der international anerkannt ist und Nachhaltigkeitsmanagement im Eventbereich regelt. Veranstalter, die nach diesem Standard zertifiziert sind, müssen nachweisen, dass sie Umwelt- und Sozialaspekte systematisch in ihre Prozesse integriert haben.

Daneben gibt es branchenspezifische Label wie das "Green Globe"-Zertifikat für Locations oder das Umweltzeichen "Blauer Engel" für Druckprodukte. Für Teilnehmende und Auftraggeber gilt: Einfach nachfragen. Welche konkreten Maßnahmen wurden umgesetzt? Gibt es einen Nachhaltigkeitsbericht? Wurden Emissionen gemessen? Wer auf diese Fragen keine Antwort hat, hat wahrscheinlich auch keine Strategie.

Ein wachsender Trend: Veranstalter veröffentlichen nach dem Event einen transparenten Abschlussbericht mit CO2-Bilanz, Abfallmengen und einem Ausblick, was beim nächsten Mal besser werden soll. Das schafft Glaubwürdigkeit – und manchmal auch eine gesunde Portion Selbstkritik.

Wie Veranstalter jetzt loslegen können

Kein Kongress wird von heute auf morgen perfekt nachhaltig. Das ist auch gar nicht der Anspruch. Was zählt, ist der schrittweise Wandel – und der beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Wo fallen die meisten Emissionen an? Welche Materialien können sofort reduziert werden? Gibt es Lieferanten, die lokal oder biologisch produzieren?

Hilfreich ist außerdem: Nachhaltigkeit im Team verankern. Wenn nur eine Person den Öko-Hut aufhat, bleibt das Thema Sonderaufgabe statt Haltung. Besser ist es, Nachhaltigkeitsziele in Briefings, Lieferantenverträge und Teilnehmerkommunikation zu integrieren. Dann wird aus einem grünen Anspruch irgendwann tatsächlich eine grüne Praxis.

Die gute Nachricht: Der Markt entwickelt sich. Locations, Caterer, Technikdienstleister – viele bieten inzwischen nachhaltige Optionen an, ohne dass man dafür tief in die Tasche greifen muss. Und Teilnehmende honorieren das. Wer auf einem Kongress merkt, dass wirklich jemand mitgedacht hat – beim Essen, beim Material, beim Fahrradparkplatz – der kommt gerne wieder. Green Events sind nicht nur gut fürs Klima. Sie sind auch gut fürs Image. Und manchmal sogar fürs Budget.

nachhaltige KongresseGreen EventsCO2-neutrales TagenVeranstaltungsmanagementEventplanungNachhaltigkeitKongresse DeutschlandGreenwashingISO 20121Messebau

Häufige Fragen

Die größten Hebel liegen bei der Anreise der Teilnehmenden, der Wahl der Veranstaltungsstätte und dem Catering. Wer auf ÖPNV-freundliche Locations setzt, pflanzenbetonte Menüs mit regionalen Zutaten anbietet und auf Einwegmaterialien weitgehend verzichtet, kann die Umweltbilanz einer Veranstaltung erheblich verbessern. Ergänzend helfen digitale Kommunikationsmittel und transparente Emissionsberichte nach dem Event.

Ja, der bekannteste internationale Standard ist die ISO 20121, die Nachhaltigkeitsmanagement im Eventbereich regelt. Darüber hinaus gibt es Zertifizierungen für Locations wie das Green-Globe-Zertifikat sowie branchenspezifische Labels. Veranstalter sollten bei Dienstleistern und Partnern aktiv nach solchen Nachweisen fragen.

Vollständig CO2-neutral ist eine große Präsenzveranstaltung kaum zu realisieren, da allein die Anreise der Teilnehmenden erhebliche Emissionen verursacht. Realistischer ist ein dreistufiger Ansatz: Emissionen zunächst messen, dann so weit wie möglich reduzieren und den verbleibenden Rest über zertifizierte Klimaschutzprojekte kompensieren. Hybride Formate, bei denen ein Teil der Teilnehmenden remote teilnimmt, können die Bilanz zusätzlich verbessern.